Warum der Genuss der wahre Verlierer der Coronakrise ist

Frau Rührwerk gibt einen Kurs mit Gesichtsmaske um sich und die Teilnehmenden vor Corona zu schützen.

Corona, Covid-19, Sars Cov 2, Maskenpflicht, usw. Alles dreht sich um die Coronapandemie. Für mich die Reizwörter des Jahres 2020. Oder schafft es „Lockdown“ auf die Bestsellerliste? Es könnte auch „Hamsterkäufe“ werden. Auf jeden Fall ist klar, dass es das Jahr 2020 und wohl auch das 2021 mit der Coronapandemie in die Geschichtsbücher schaffen werden. Weltweit.  

Normalerweise schreibe ich über Vorrat, über Lebensmittel und über Genuss. Seit mir am Montag beim Zwiebelschneiden die Tränen über die Backen gelaufen sind, spukt mir allerdings anderes im Kopf herum. 

Wie geht es uns KleinproduzentInnen? Das ist die Frage die mich umtreibt. Uns, die wir viele Stunden in den Küchen stehen. Die wir so lange daran arbeiten, bis unsere Produkte herausragend sind? Was machen die, die ein Kochstudio betreiben und alles geben, damit du in wunderbarer Atmosphäre von Profis lernen kannst? Was passiert mit all jenen, die schon vor dem Lockdown unendlich viel gearbeitet haben und ihre Genussprodukte liebevollst von Hand produzieren? Wie kommen die über die Runden, die vorher schon nicht viel verdient haben, nur grad soviel, dass es zum Leben reichte? Ja, wie geht es uns – das ist eine gute Frage…

Mein 2020 als Kleinproduzentin

Das Jahr hat für Rühr-Werk gar nicht so schlecht gestartet. Nach einem guten Abschluss 2019 ging es im neuen Jahr mit dem Zitruskurs im Esspunkt Laupen los. Dann die Produktion für die Frühlingsmärkte, planen für fünf Kurse im Mai und Mitte März Zitrus World im Gartencenter Meier. Und dann, nach zwei Wochen im Gartencenter mit vielen tollen Begegnungen, aber auch mit wachsender Unsicherheit gegenüber diesen bis dahin noch total fremden Virus, kam der Lockdown.

Von 100 auf 0

Alles abgesagt, alles stillgelegt. Tatsächlich von hundert auf null innerhalb einer Woche. Anfangs noch ungläubig, dass so etwas möglich ist, fand ich mich plötzlich als Lehrerin meiner Kids, zu Hause am Esstisch wieder. Die Arbeit von Hundert auf Null an einem Wochenende. Respektive ich hatte per sofort eine andere Arbeit. Ausgebremst. 

Keine Energie fürs Produzieren

Klar, es wäre meine Chance gewesen! Online verkaufen, Werbung machen, Gas geben! Nur mit welcher Energie? Klar meine lieben Stammkunden haben bestellt. Kein Problem. Das konnte ich schaffen. Aber noch mehr? Für mich unmöglich. Es war schlicht keine Energie mehr da, um nachts, wenn mein Mann die Kids übernahm, noch kochen zu gehen.

Viele meiner Kolleginnen und Kollegen hatten da keine Wahl. Um den Lebensunterhalt einigermassen bestreiten zu können, mussten sie Nachtschichten einlegen. Sie mussten aus dem Stehgreiff neue Produkte entwickeln und sich um ganz viel administrativen Zusatzaufwand kümmern um wenigstens etwas Geld vom Staat zu bekommen um Löhne und Rechnungen bezahlen zu können.

Es sind viele Existenz bedroht

Es ist ein Privileg. Meine Arbeit habe ich an den Schreibtisch verlegt und wärend meine Kinder Hausaufgaben machten. Ich konnte neue Wege gehen. Unter anderem ist so der Blog auf meiner Webseite stattlich gewachsen. Ich konnte endlich innehalten, Pläne schmieden und schreiben. Und trotzdem ist die Zeit auch an mir nicht spurlos vorbei gegangen. An meinen Jahresabschluss will ich gar nicht denken. 

Viele meiner Kolleginnen und Kollegen waren weniger privilegiert. Sie haben hohe Mieten der Produktionsräume. Diese müssen bezahlt werden. Sie haben Mitarbeitende, die ihren Lohn bekommen müssen.

Für Einzelunternehmende war lange überhaupt nicht klar, ob sie überhaupt Unterstützung vom Staat bekommen werden, oder ob das einfach das eigene Risiko ist, das man als UnternehmerIn tragen muss.

Es traf und trifft all jene besonders hart, die schon vor der Krise nicht viel verdient haben. Die, welche alles in den Ausbau ihres Unternehmens gesteckt haben. Die, die sich wenig auszahlen um wachsen zu können. Und das alles mit viel Liebe, Optimismus und einem riesigen Arbeitspensum. Genau die traf Corona mit voller Breitseite. 

Nur eine kurze Verschnaufpause vor der zweiten Welle

Sommer, endlich gingen die Corona-Ansteckungszahlen runter. Der Lockdown wurde aufgehoben. Einiges konnte aufgeholt werden. Neue Pläne konnten umgesetzt werden. So langsam konnten wir Kleinbetriebe uns etwas erholen. Sogar Märkte haben vereinzelt wieder stattgefunden. Mit Schutzkonzept und Maskenpflicht, aber immerhin.  

Aber das Schlimme war, das im Frühling war nur der Anfang. Sozusagen zum Üben. Die zweite Corona-Welle traf uns KleinproduzentInnen in der Schweiz alle mit voller Härte. Zwar gab es keinen neuen Lockdown, dafür die strikten Empfehlungen der Regierung, man solle daheim bleiben, sich nicht treffen und alles Unnötige unterlassen. Was für mich schon verständlich war, angesichts der horrend hohen Infektionszahlen.

Die Fallzahlen in der Schweiz waren innert kürzester Zeit explodiert. Ein zweiter Lockdown wurde diskutiert. Die Wirtschaft wehrte sich mit allen Mitteln bis kurz vor Weihnachten erfolgreich dagegen.

Wir dürfen offen haben, aber wegen Corona kommen keine Kunden

Klar durften wir bis weit in den Dezember (im Kanton Zürich) die Betriebe offen halten. Die Manufakturen sowieso. Events bis 50 Personen durften stattfinden, selbstverständlich mit Schutzkonzept. Kochkurse im kleinen Rahmen bis zu max. 10 Personen konnten stattfinden. 

Beschissen ist nur: Keiner wollte ein Weihnachtsessen machen. Gebuchte Events wurden laufend storniert, oder verschoben. Klar, wir können verschieben oder Gutscheine ausstellen. Jaaaa! Aber der Ausfall ist da, die Miete muss bezahlt werden. Fixkosten halt. Und das geht nicht mit verschobenen Kursen oder Events. Und die Gutscheine, die fehlen dann einfach später in der Kasse.

Klar konnte ich meine Produkte verkaufen, aber was wenn ich 50% Gastronomiekunden hätte, wie ein befreundeter Siruphersteller? Die Restaurants waren doch offen?

Jaaaa, die durften offen haben, hatten aber keine Gäste = kein Warenbedarf. Die Gäste sollten ja schliesslich zu Hause bleiben, um eine weitere Verbreitung des Virus zu verhindern. Defacto gab es für ihn auch 50% weniger Bestellungen, was auch heisst 50% weniger Verdienst.

Wenn ich dieses Gedanken-Karussell weiter drehe, wird mir richtig schlecht. Es war wirklich zum Kotzen. Wir durften arbeiten, aber wir hatten keine Kunden für unsere Kurse, viele Abnehmer unserer Produkte fallen weg, usw.

Familien am Existenzminimum

Viele meiner FreundInnen, die mit viel Herzblut etwas aufgebaut haben, sind im vollen Gallopp gebremst worden. Es werden viele tolle Produkte verschwinden. Viele kämpfen ums Überleben ihrer Firmen und viele auch ums nackte Überleben. Sie wissen nicht, wie sie zum Ende des Monats ihre Rechnungen oder womit sie ihren nächsten Wocheneinkauf bezahlen sollen.

Das macht mich traurig. Das macht mich wütend. Das finde ich so beschissen an diesem Corona! Ja, wir haben ein gutes Sozialsystem in der Schweiz. Aber es ist schlimm, wenn alles wofür man die letzten Jahre gearbeitet hat, kaputt geht. Wenn keine Idee hat, wie man das Geld verdienen soll, um seine Familie zu ernähren. Manchmal kann man bei Kollegen aushelfen. Nur, im Moment suchen sehr viele eine Stelle.
Für Selbständige heisst es im Moment oft: Von wenig ist weniger bald mal nichts mehr. 

Ein erneuter Corona-Lockdown ist eine wirtschaftliche Katastrophe

Für wen denn, verdammt noch mal? Warum ist kein Lockdown keine Katastrophe? Weil es nur die Kleinen nimmt? Und einige von den Grossen, die in den letzten Jahren keine Rücklagen gemacht haben?

„Wer wegen den drei Monaten im Frühling gleich pleite ist, der hat vorher schon ein Problem gehabt“, so dachte ich noch zu Beginn des Lockdowns im März auch noch. Drei Monate, schaffen wir! So die Parole von mir und vieler meiner KollegenInnen im Frühling.

Aber jetzt? Die Rücklagen sind aufgebraucht. Kein Lockdown = kein Geld. Konkurs oder Betrieb freiwillig schliessen. Mitarbeitende entlassen, dass diese wenigstens Arbeitslosengeld beantragen können. Die Mietverträge meist langjährig, nicht einfach so kündbar. Alle Kosten herunterfahren, wo es nur geht. Mal überlegen, was sich vom Tafelsilber noch zu Geld machen liesse. Das ist die Katastrophe! Jedes einzelne Schicksal meiner Kolleg*Innen berührt mich tief. Das macht mich traurig und lässt mich Tränen vergiessen. Auch Tränen der Wut.

„Der Genuss hat definitiv verloren“

(Frau Rührwerk, November 2020)

Keine Weihnachtsmärkte, keine Weihnachtsfeiern. Daheim bleiben, Ansammlungen vermeiden. Das habe ich verstanden und finde ich sinnvoll. Nur so schaffen wir es der Pandemie beizukommen. 

Aber es ist alles abgesagt, keiner geht mehr raus, warum denn nicht einfach zu und fertig? Wegen der Wirtschaft, wegen des Geldes! Das ist mir irgendwie schon klar. Jetzt ist es einfach unser Geld. Geld, das wir Einzelunternehmer nicht haben, welches wir nicht verdienen können. Vielen von uns gehen die Reserven aus. 

Wir haben keine Luft mehr!

Strengt euch mehr an, sagen einige Politiker. Seid innovativer, wird uns von den Medien gesagt. Macht mehr Werbung, verkauft mehr! raten uns unsere KundInnen. Hallooo? Wir sind seit bald 9 Monaten „innovativ“! 

Aber wir haben keine Luft mehr und die Existenzangst frisst uns auf. Wir können Krankenkasse und Miete für unsere Familien nicht mehr bezahlen. Das macht es schwierig Genuss zu produzieren. Aber versprochen, noch geben wir nicht auf!

Ein kleines bisschen Optimismus habe ich noch: viele werden sich nach der Krise neu erfinden. So sind wir, wir unbelehrbaren OptimistInnen. Wir, die wir uns dem Genuss verschrieben haben. Aber es kostet viel Kraft und einige werden am Schluss keine mehr haben. 

Und zum Schluss noch dies

Ich bin mir sehr bewusst, dass wir uns und andere vor einer Coronainfektion schützen müssen. Das ist mir sehr wichtig, und ich halte mich äusserst genau an die Vorschriften. Schliesslich möchte ich nichts lieber, als dass das Virus schnell verschwindet und dass wir alle wieder mit mehr Leichtigkeit und Freude durch den Alltag gehen können. Ich vermisse meine Familie und gäbe viel dafür, mit meinen Lieben Weihnachten zu feiern. Das geht halt im Moment nicht. Das ist für mich ok.   

Aber du kannst uns helfen: Denk bei Anlässen wie Ostern, Geburtstagen, Jubiläen und Kundengeschenken an uns Kleinproduzenten. Unter dem Artikel findest Du eine Liste von Manufakturen und Kursanbietern, die mir sehr am Herzen liegen. Es gibt so viele wunderbare Genuss-Geschenke, von wunderbaren Menschen, mit viel Liebe von Hand gemacht. 

Und wer gerne Rühr-Werke verschenken möchte, kann diese selbstverständlich bei mir im Shop bestellen. Ein Kursgutschein für einen Kurs bei Frau Rührwerk ist übrigens ein geniales Geschenk, weil die nächste Einmachsaison kommt sicher, Corona hin oder her. Schreib mir, wenn Du einen Gutschein bestellen willst.

Kommt alle möglichst gesund durch diese wirren Zeiten und vergesst nicht:
Kein Genuss ist keine Lösung!

Nachdenkliche Grüsse 

Eure Frau Rührwerk 

Nachtrag: Seit dem 13. Januar 2021 ist die Schweiz im zweiten Corona-Lockdown. Jetzt endlich können Gelder beantragt werden. Nur werden diese für den einen oder die andere zu spät kommen. Es trifft jetzt mittlerweile leider auch Betriebe, die vor einem Jahr noch gut aufgestellt waren. Eine wahre Niederlage für den Genuss!


Hier gibt es wunderbare Genussgeschenke:

Produzierst Du auch etwas Feines? Fehlt Deine Manufaktur? Lass es mich wissen!Tags: FamiliesoulfoodGedankenFrau Rühr-WerkWeihnachtenGeschenkeGutscheineCorona

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